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21.07.2016

Glücklich zwischen Akten und Büchern.

Auch Menschen mit Behinderungen können gute Arbeit leisten und auf manchen Spezialgebieten sind sie besser. Die Rendsburger Arbeitsbegleitung hilft dabei.


Das Schleswig-Holsteinische Oberlandesgericht ist höchstes Gericht des Landes Schleswig-Holstein in Zivil- und Strafsachen. Insgesamt sind über 200 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter im Schleswig-Holsteinischen Oberlandesgericht beschäftigt. Seit Anfang Juli 2016 gehört auch Nicole R.* dazu. Glücklich sitzt sie zwischen hohen Regalen mit juristischen Fachbüchern und Gesetzestexten. Die juristische Bibliothek des Oberlandesgerichts ist ihre Welt. Routiniert sortiert sie hier Loseblattsammlungen, scannt Gesetzestexte, führt Bestandslisten, archiviert Rechnungsbelege und sorgt dafür, dass nichts durcheinander gerät. Mal manuell „analog“, mal mit Computerhilfe und digital.

Das ist nicht selbstverständlich, denn Nicole R. leidet seit ihrer Jugend an  einer psychischen Erkrankung und war deshalb über Jahre nicht auf den allgemeinen Arbeitsmarkt vermittelbar. 2003 kam Nicole R. in die Werkstätten Materialhof, eine Einrichtung im Zentrum von Rendsburg, die sich auf die psychosoziale Unterstützung und berufliche Qualifizierung von Menschen mit psychischen Behinderungen spezialisiert hat. Hier arbeitete sie zunächst im Montagebereich, doch schnell stellte sich heraus, dass sie mehr kann und will.

Auf Anraten ihrer Gruppenleiterin wendete sich Nicole R. daher an die Rendsburger Arbeitsbegleitung. Seit 2008 unterstützt dieser Fachdienst der Werkstätten Materialhof Menschen mit psychischen Behinderungen auf Arbeitsplätzen außerhalb der Werkstatt. „Unser Ziel ist es, Menschen mit Behinderung den Zugang zum allgemeinen Arbeitsmarkt zu erleichtern und eine optimale soziale und berufliche Integration zu ermöglichen“, erklärt Diplom-Sozialpädagogin Iris Spönemann.

Das Team der Rendsburger Arbeitsbegleitung leistet dabei echte Aufbauarbeit und hilft den Interessenten ganz konkret auf dem allgemeinen Arbeitsmarkt Fuß zu fassen. Gemeinsam erstellen sie Fähigkeitsprofile, formulieren Lebensläufe, trainieren Bewerbungssituationen, suchen Praktika …

„Die Herausforderung ist, trotz Handicap und Einschränkung die richtige Aufgabe zu finden, und dann den richtigen Rahmen zu schaffen“, betont die Mitarbeiterin der Rendsburger Arbeitsbegleitung. Bei Nicole R. war klar, dass sie krankheitsbedingt nicht Vollzeit arbeiten kann, eine ruhige Arbeitsatmosphäre benötigt und dass sie gern „etwas mit Büchern machen“ möchte. So kam Nicole R. – nach einigen Recherchen und intensiven Gesprächen mit dem Arbeitgeber und dem Kollegium – 2009 zum Oberlandesgericht nach Schleswig, wo sie zunächst ein Langzeitpraktikum absolvierte.

Da sich Nicole R. gut bewährte, wurde im Anschluss ein ausgelagerter Werkstatt-Einzelarbeitsplatz für sie eingerichtet. Nicole R. blieb damit  Beschäftigte der Werkstätten Materialhof. Dieser Zwischenschritt zwischen Praktikum und Festanstellung ist ein wichtiges Sicherheitsnetz für die Bewerber, denn die Anforderungen in einem Betrieb des allgemeinen Arbeitsmarktes sind ein große Herausforderung, der nicht jeder gewachsen ist. Bei Überforderung haben sie so die Möglichkeit, problemlos in die Werkstatt zurückzukehren.

Doch Nicole R. gefiel es gut in der Bibliothek. Dank engmaschiger Betreuung durch das Team der Rendsburger Arbeitsbegleitung in Kooperation mit der Anleitung am Arbeitsplatz konnten die Anforderungen sogar Schritt für Schritt gesteigert werden. Nicole R. entwickelte sich zu einer zuverlässigen Mitarbeiterin.

„Zuverlässigkeit ist ein wichtiges Kriterium für Arbeitgeber“, erläutert Iris Spönemann. „Gerade bei psychischen Erkrankungen lässt sich jedoch oftmals erst über einen längeren Zeitraum beurteilen, ob psychische Stabilität gegeben ist.“ Daher ist das Angebot der Rendsburger Arbeitsbegleitung für alle Seiten sehr sinnvoll. Die Bewerber werden vor Ort intensiv unterstützt und an neue Aufgaben und Herausforderungen herangeführt. Die potentiellen Arbeitsgeber können sich von der individuellen Leistungsfähigkeit durch die Erprobung  auf dem ausgelagerten Arbeitsplatz überzeugen. Sind diese Hürden gemeistert, so gewinnen beide Seiten: Für die betreuten Menschen führt es zu einem hohen Maß an Arbeitszufriedenheit und einem gesteigerten Selbstwert. Der Arbeitgeber gewinnt in der Regel hochmotivierte neue Mitarbeiter. Nicole R. hat es geschafft! Nach Praktikum und Erprobung auf einem ausgelagerten Werkstatt-Einzelarbeitsplatz hat das Schleswig-Holsteinische Oberlandesgericht als Arbeitsgeber ihr ab Juli 2016 eine sozialversicherungspflichtige Festanstellung angeboten. Viele Mitarbeiterinnen  und Mitarbeiter des Schleswig-Holsteinischen Oberlandesgerichts freut das. War Nicole R. doch längst schon ein festes Mitglied der Betriebsgemeinschaft.

* Name von der Redaktion geändert.

 

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